So könnte der Thyssenkrupp-Kollaps den deutschen Standort erschüttern

Der größte Stahlproduzent Deutschlands, Thyssenkrupp, steht vor einem gigantischen Stellenabbau, der Auswirkungen auf den gesamten Standort mit sich bringen könnte. Eine aktuelle Studie gibt Aufschluss.

IMAGO / imagebroker

Die deutsche Stahlindustrie befindet sich in einer brenzligen Situation. Die schlechten Rahmenbedingungen, die in der deutschen Wirtschaft vorherrschen, schränken Unternehmen in ihrer Wettbewerbsfähigkeit ein. Im Vordergrund der Krise steht Deutschlands größter Stahlproduzent Thyssenkrupp.

Thyssenkrupp Steel Europe muss einen harten Sparkurs fahren und plant in den kommenden Jahren einen massiven Stellenabbau. Innerhalb der nächsten sechs Jahre soll die Zahl der Arbeitsplätze von derzeit etwa 27.000 auf 16.000 reduziert werden – ein Kahlschlag von mehr als 40 Prozent.

Breitgefächerter Stellenabbau wird forciert

Wie das Unternehmen mitteilte, sollen rund 5.000 Stellen bis Ende 2030 durch „Anpassungen in Produktion und Verwaltung“ wegfallen. Weitere 6.000 Arbeitsplätze sollen durch Auslagerungen an externe Dienstleister oder durch Geschäftsverkäufe gestrichen werden. Besonders betroffen wird wohl der Standort Duisburg sein, an dem fast die Hälfte der Beschäftigten des Stahlbereichs von Thyssenkrupp arbeitet.

Ein Wachstum kann die Stahlsparte Thyssenkrupps knicken. Auch die Produktionskapazitäten sollen im Rahmen des Sparkurses von derzeit 11,5 Millionen Tonnen pro Jahr auf nur noch 8,7 bis 9,0 Tonnen gesenkt werden. Das entspreche dem Versandvolumen des letzten Geschäftsjahres.

Unterdessen wird an der Verselbstständigung des Stahlbereichs gearbeitet. Schon jetzt hält das tschechische Energieunternehmen EPCG, das dem Milliardär Daniel Kretinsky gehört, einen Anteil von 20 Prozent an Thyssens Stahlsparte. Im nächsten Schritt wird angestrebt, diesen Anteil auf 50 Prozent zu erhöhen, um die Abspaltung weiter voranzutreiben.

Darüber hinaus verfolgt Thyssenkrupp offenbar Pläne, sich von seiner 50-prozentigen Beteiligung an den Hüttenwerken Krupp Mannesmann (HKM) zu trennen. Ein klarer Schritt, um sich endgültig vom Stahlgeschäft loszulösen und den Fokus auf andere Konzernbereiche zu legen.

IW-Studie warnt vor massivem wirtschaftlichen Niedergang

Die Situation um die Stahlindustrie in Duisburg könnte allerdings noch verheerender werden, als bislang angenommen. Eine aktuelle Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) zeichnet ein düsteres Bild: Sollte der Stellenabbau bei Thyssenkrupp Steel Europe wie geplant umgesetzt werden, droht ein Verlust von insgesamt 16,4 Milliarden Euro an Produktionsleistung.

Der wirtschaftliche Einbruch könnte sich zudem in einem Rückgang des Bruttoinlandsprodukts (BIP) um 5,6 Milliarden Euro niederschlagen und fast 55.000 Arbeitsplätze in ganz Deutschland betreffen. Dabei könnten allein 1,1 Milliarden Euro BIP auf die Duisburger Stahlindustrie entfallen, weitere 850 Millionen Euro auf die vorgelagerte Wertschöpfungskette und 3,7 Milliarden Euro auf die nachgelagerte Wertschöpfungskette.

Besonders betroffen wären davon wohl vor allem Zulieferer und Dienstleister, die eng mit Thyssenkrupp kooperieren. Der beschleunigte Stellenabbau könnte eine regelrechte Pleitewelle unter kleinen und mittelständischen Unternehmen auslösen, die von Geschäftsbeziehungen mit dem Stahlriesen abhängig sind.

Auch bei den Steuereinnahmen drohen erhebliche Einbußen. Laut IW-Studie könnte der Wegfall der Beschäftigung in der Duisburger Stahlindustrie sowie ihrer vor- und nachgelagerten Wertschöpfungsketten jährlich zu einem Verlust von 773 Millionen Euro an Steuereinnahmen führen. Duisburg allein müsste auf 30 Millionen Euro verzichten, das Land NRW auf 132 Millionen Euro, andere Gemeinden und Bundesländer auf 296 Millionen Euro, und der Bund würde um 315 Millionen Euro Einnahmen gebracht. Besonders gravierend ist dabei der Rückgang der Lohnsteuereinnahmen, die mit 420 Millionen Euro den größten Anteil ausmachen könnten.

Deindustrialisierung durch ideologische Politik: Der Niedergang der deutschen Stahlbranche

Doch was ist die Ursache hinter diesem Wirtschafts-Fiasko, das von Thyssenkrupp ausgeht und nun den gesamte deutschen Standort erschüttern könnte? Es hat sich seit langem angebahnt. Billigimporte aus Asien und ruinös hohe Betriebskosten haben dem Stahlgiganten schwer zugesetzt. Als zusätzliche Belastung kommen unvorteilhafte Rahmenbedingungen wie hohe Steuern und komplexe Bürokratieanforderungen hinzu.

Besonders die exorbitanten Energiekosten machen der Stahlindustrie in Deutschland zu schaffen. Seit die Strompreise 2021 im Zuge der Energiekrise in die Höhe geschossen sind, hat sich daran kaum etwas geändert. Selbst heute liegen die Strompreise immer noch etwa doppelt so hoch wie vor 2021 und deutlich über den Preisen in den USA, China oder sogar im Nachbarland Frankreich.

Neben den ohnehin schon hohen Stromkosten lasten auf deutschen Unternehmen noch zusätzliche Belastungen durch Steuern und Abgaben. Vor allem die Netzentgelte, die für den Ausbau der Stromnetze zur Übertragung erneuerbarer Energien erhoben werden, haben sich seit 2023 im Zuge der sogenannten grünen Transformation mehr als verdoppelt.

Für die Stahlbranche bedeutet das jährliche Mehrkosten von rund 300 Millionen Euro, wie von Kerstin Maria Rippel, der Hauptgeschäftsführerin der Wirtschaftsvereinigung Stahl, im Handelsblatt berichtet wird – ein enormer Druck, der auch Thyssenkrupp kaum Luft zum Atmen lässt.

Verschärft wird die Lage durch ideologisch motivierte Klimaschutzmaßnahmen wie die CO2-Bepreisung. Die deutsche Stahlindustrie ist wie viele andere Branchen in den europäischen Emissionshandel (EU-ETS) eingebunden, der Unternehmen zwingt, für ihren CO2-Ausstoß sogenannte Zertifikate zu erwerben, die ihnen dann das Recht auf Emissionen gewähren.

Der Preis für diese Zertifikate bildet sich am Markt. Die EU legt jedoch eine Obergrenze für die Gesamtmenge der Zertifikate fest. Außerdem wird die Anzahl der verfügbaren Zertifikate jedes Jahr weiter verknappt. Die hohe Nachfrage nach CO2-Zertifikaten, besonders durch die energieintensive Industrie, wie die Stahlbranche, katapultiert bei gleichzeitig sinkendem Angebot die Abgabenpreise in enorme Höhen.

Während politische Entscheidungsträger Russland und China regelmäßig Planwirtschaft und Unternehmenssubventionen vorwerfen, betreiben Deutschland und die EU genau das Gleiche – nur mit negativen Vorzeichen. Durch Markteingriffe und eine vollkommen verfehlte Klimapolitik wird die eigene Industrie geschwächt und an den Rand der Existenz gedrängt. Die Deindustrialisierung Deutschlands ist in vollem Gange.

Grüne Wende als Milliardengrab

Die CO2-Steuer ist nicht das einzige Problem, das im Namen des Klimaschutzes auf die Stahlindustrie einwirkt. Hinzu kommen enorme Investitionen, die erforderlich sind, um die nationalen Klimaziele zu erreichen.

Besonders kostspielig sind die geplanten Direktreduktionsanlagen (DRI), die erforderlich sind, um klimafreundlichen Stahl unter Verwendung von Wasserstoff herzustellen. Die Investitionskosten für eine solche DRI-Anlage bei Thyssenkrupp in Duisburg belaufen sich auf rund 3 Milliarden Euro.

Des Weiteren ist auch die Produktion von Wasserstoff selbst ein gewaltiges Problem. Elektrolyseure, die Wasser in Wasserstoff und Sauerstoff aufspalten, und die Energiequelle zur Stahlproduktion bereitstellen, sind nicht zu Genüge verfügbar. Außerdem arbeiten Elektrolyseure mit einem extrem hohen Energieverbrauch, was das Verfahren unglaublich teuer macht. Dadurch sind die Produktionskosten für „grünen Stahl“ alles andere als wettbewerbsfähig.

Zudem fehlt es Deutschland an der nötigen Infrastruktur: Es mangelt an Pipelines für den Wasserstofftransport und auch verlässliche Importpartner hat die Bundesregierung noch nicht gewinnen können. Die grüne Wende in der Stahlindustrie droht, grandios zu scheitern.

Fazit: Die deutsche Stahlindustrie auf dem Abstellgleis

Die Krise bei Thyssenkrupp ist ein alarmierendes Symptom für den Niedergang der deutschen Stahlindustrie, der durch ideologisch motivierte Energie- und Klimapolitik hausgemacht wurde. Mit exorbitanten Energiekosten, einer ruinösen CO2-Bepreisung und einer völlig verfehlten Industriepolitik wird das Rückgrat der deutschen Wirtschaft systematisch zerstört.

Was als grüne Wende verkauft wird, ist ein ökonomisches Fiasko, das Unternehmen zur Kapitulation zwingt und Arbeitsplätze vernichtet. Die geplanten Investitionen in Wasserstofftechnologien und die grüne Transformation der Stahlbranche sind wenig mehr als teure Luftschlösser, die in der Realität nichts taugen – zumindest zum aktuellen Zeitpunkt.

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Kommentare ( 57 )

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Urs von Baerlichingen
1 Tag her

Ach, alles nur rechte Propaganda.
Gebt Habeck nur 3.000 Milliarden und „grüner Stahl“ aus Buntland wird die Welt bereichern. Und unsere, auch für Schwangere (m/w/d) geeigneten, Elektro-Panzer aus grünen Stahl und von grünen Strom angetrieben werden Putin endlich Morse lehren!

Mausi
2 Tage her

Ich kann mir nicht vorstellen, dass die Industrie, von der sich Thyssen trennen will, in D verbleibt. Insofern fehlt im Artikel noch, um wieviel sich Ds Primärenergieverbrauch senken würde, sollten diese Industrien D verlassen.
Um wieviel hat sich der Primärenergieverbrauch in den letzten Jahren überhaupt gesenkt durch Abwanderung oder Aufhören?

Endlich Frei
2 Tage her

…der wohl sinnloseste Selbstmord einer ganzen Industriebranche weltweit, während die Chinesen mittlerweile für 1/3 des weltweiten Stromverbrauchs, meist produziert aus fossilen Quellen, verantwortlich sind. Sie werden auch unseren Stahl ersetzen und damit erheblich an der Wertschöpfung unserer Produkte teilhaben. Diese Politik wird von Schwachköpfen gemacht.

Boris G
2 Tage her

Merkwürdig, dass sich die Konzernlenker fast alle auf die Seite von Robert geschlagen haben und vor laufenden Kameras seit Jahren dem „grünen Wirtschaftswunder“ huldigen. Glauben sie allen Ernstes, dass welche Regierung auch immer sie bis ans Ende der Tage subventionieren kann? Herbert Diess hat im festen Glauben an eine solche staatliche Durchfinanzierung VW komplett an die Wand gefahren, genießt allerdings mit Millionen Apanage seinen Ruhestand.

Andreas Bitz
2 Tage her

Das ist mit dem Sondervermögen bewirkte Sonderwachstum unserer Sondertalente in der Sonderdemokratie.

PapaAN
2 Tage her

Jede sozialistische Planwirtschaft hat sich bis heute zugrunde gerichtet. EU-ropa, und an der erste Stelle GerMoney, werden Stück für Stück von den Grünen Sozialisten vernichtet. Die ganze Welt lacht über die durchgeknallten AllManns. Bald fangen wir das Licht wie die Schildbürger ein, man muss es den Schafen nur lang genug erklären. Mutti hat aus den Dichtern und Denkern Gelenkte gemacht. Und so laufen die Schafe ihrem Henker so lang hinterher, bis es zu spät ist. Vorwärts immer, rückwärts nimmer.

teacher32
2 Tage her

Tatsächlich wird der „grüne Stahl“ der deutschen Stahlindustrie das Genick brechen. Zuvor werden die Unternehmen noch die hohen Subventionen mitnehmen, die für die „Umrüstung“ der Stahlwerke vonnöten sind. Dann werden sie sich davonmachen, es sei denn, dass der Staat mit Steuergeldern die (irgendwann einmal) laufendende Produktion (schon jetzt gibt es, wer hätte es gedacht, kostentreibende Verzögerungen), bis zum Sankt Nimmerleinstag subventioniert, um diesen „sauberen“ Stahl auf dem internationalen Markt überhaupt konkurrenzfähig zu machen, ihm den Hauch einer Chance zu geben. Um die Arbeitsplätze zu erhalten, werden sich die Unternehmen dabei auf die Gewerkschaften verlassen können, denen man die Forderung nach… Mehr

Last edited 2 Tage her by teacher32
Biskaborn
2 Tage her

Es stehen 500 Mrd. Euro zur Verfügung , 100Mrd. davon um kranke Unternehmen wie im Beispiel auf Grün zu färben. Der Rest wird dann in Kurzarbeitergeld gepumpt. Insofern müssen sich wohl die meisten Stahlarbeiter keine Sorgen machen, schließlich haben sie speziell in NRW genau dafür die grüne CDU und das Original, die Grünen, gewählt!

Werner Geiselhart
2 Tage her

Man muss es immer wieder sagen, die Konzernbosse haben zu allem ja und Amen gesagt, was ihnen von NGO-gesteuerten Politikern, sei es aus Berlin oder Brüssel, so aus den grünroten Schreckenskammern präsentiert wurde.
Man hat sich einlullen lassen mit der Hoffnung auf unendliche Subventionen, die Gegenrechnungen wurden unterlassen, und zwar die Gegenrechnungen, die in kritischen Medien wie TE und der Achse schon seit Jahren von kompetenten Fachleuten präsentiert werden.
Wenn’s für die Bevölkerung nicht die reine Katastrophe wäre, ich würde mich ins Fäustchen lachen, so bleibt einem nur Dauerkopfschütteln ob dieses Irrsinns.

Kuno.2
2 Tage her

Einerseits arbeitet dieser Mischkonzern mit Verlusten, also nicht rationell. Andererseits ist es der letzte deutsche Stahlkonzern auf deutschem Boden.
Im Zusammenhang mit der Aufrüstung der Bundeswehr (Panzer gegen Atomraketen?) wird ThyssenKrupp aber gebraucht und deshalb müsste dann von den vielen Sonderschulden auch etwas für ThyssenKrupp abfallen.