Rezession trotz Megaschulden: Frankreich und Deutschland vor tristem Jahresende

Mit Staatswirtschaft wollten sie in Berlin und Paris der Schuldenspirale entkommen. Konjunkturdaten zeigen allerdings, dass unterm Strich nicht einmal ein statistisches Scheinwachstum bleibt. Die Säulen der EU zerbröseln im strukturellen Versagen.

picture alliance / Chris Emil Janßen | Chris Emil Janssen

Schicksalswochen an den Anleihenmärkten: Noch immer setzt sich der Anstieg französischer Anleihenrenditen ungebremst fort. Zeitgleich fallen die deutschen Zinsen – eine erste Welle der Kapitalflucht im Euroraum hat eingesetzt. Investoren steuern dem vermeintlich sicheren Hafen Deutschland zu.

Frankreichs eminentes Haushaltsproblem, das Chaos auf den Straßen, die grundsätzlich verfehlte Wirtschaftspolitik sowie eine frappierende Reformunfähigkeit von Frankreichs classe politique sinken tiefer ins Bewusstsein der Märkte ein.

Die femme fatale des Euro-Schuldenclubs bedroht in diesen Wochen die Tektonik der gesamten EU. Noch ruht Deutschland als Kreditanker im gemeinsamen Kapitalmarkt fest verankert, doch lässt der französische Wellenschlag Böses ahnen: Kehrt sich der Trend bei den französischen Papieren nicht sehr bald um, wird wohl die Feuerwehr der EZB den Brand löschen.

Eine wichtige Lektion für all jene, die immer noch glauben, mit Staatsschulden gesellschaftliche Probleme lösen oder gar Prosperität erzeugen zu können: Staatskonsum verdrängt die Privatwirtschaft, Frankreich hat dieses Gericht zum wiederkehrenden Tagesmenü erklärt.

Frankreichs Etatismus ist legendär. Bei einer Staatsausgabenquote von 57,2 Prozent des Bruttoinlandsprodukts und einer Abgabenquote von 43,6 Prozent ist das Land der Illusion erlegen, staatliche Steuerung könne Wohlstand dauerhaft sichern.

Frankreichs wirtschaftliche Lage im Frühherbst ist übel, dabei wenig überraschend. Das Baugewerbe steckt mit einem PMI-Wert (Purchasing Managers’ Index, Einkaufsmanagerindex) von 39,8 Punkten seit geraumer Zeit tief im Tal der Tränen. Das Verarbeitende Gewerbe ist im Oktober mit einem vorläufigen PMI von 49,3 Punkten wieder in den Kontraktionsbereich gerutscht. Auch die Industrieproduktion liefert wenig Anlass zur Zuversicht: Im dritten Quartal lag sie 1,9 Prozent unter dem Vorquartal. Frankreich wird deindustrialisiert wie sein Nachbar im Osten.

Was tatsächlich steigt, sind die Neuverschuldung sowie die Preise: Für 2026 rechnet die französische Regierung inzwischen mit einem Haushaltsdefizit von 5,4 Prozent des BIP; im September lag die Inflationsrate bei 3,1 Prozent. Wer sich noch immer der Hoffnung hingibt, Frankreich könne sich mit seinem eigenen Schuldenhammer aus der Misere herauswachsen, steht heute als wirtschaftspolitische Witzfigur da. Es wäre das erste Mal, dass ein sozialistischer Staat seine Ineffizienzen in einen ökonomischen Siegeszug verwandeln könnte.

Diese Einsicht gilt im Übrigen auch für Deutschland. Währenddessen macht die Scherenbewegung an den Anleihenmärkten deutlich, dass die Interessen Berlins und der politischen Führung in Paris weiter auseinanderdriften.

Sichtbar wird dies in der Ukraine-Politik, aber auch in der gemeinsamen Rüstungspolitik, die wohl vorläufig auf Eis liegt. Und dies dürfte auch der Fall sein, wenn Marine Le Pen zur neuen Präsidentin Frankreichs gewählt wird. Sie kündigte bereits an, dass Deutschland größere Teile des EU-Budgets übernehmen müsse. Angesichts der drängenden Haushaltsprobleme Frankreichs dürfte dies kaum auf Gegenliebe in Berlin stoßen. So wird das nichts mit einer partnerschaftlichen Runderneuerung der EU.

Was die beiden Säulen der EU allerdings noch immer fest verklammert, ist ihr Glaube an den Wohlfahrtsstaat und die interventionistische Wirtschaftspolitik.

Die Bundesbank, das wird die Bundesregierung nicht gerne hören, sah nach dem kurzen Aufbäumen im ersten Halbjahr im dritten Quartal bereits wieder Stagnation in der deutschen Wirtschaft. Ganz gleich, wie viel Schuldengeld die Zentralplaner über ihre grüne Kunstökonomie auch abregnen lassen: Der Schaden, den Zentralplaner im Maschinenraum der echten Ökonomie hinterlassen haben, kann selbst mit der größten Neuverschuldung in der Geschichte der Bundesrepublik nicht einmal mehr statistisch überdeckt werden.

Friedrich Merz und sein Schuldenminister Klingbeil ließen im ersten Halbjahr die Kreditpumpe rotieren: Auf 98,8 Milliarden Euro summierten sich die Defizite der öffentlichen Haushalte. Die politische Klasse tritt die Flucht nach vorne an, nimmt die Kinder, nimmt selbst noch die Enkel in Schuldhaft für das eigene politische Versagen.

Deutschland erteilt den ökonomisch Unbedarften eine üble Lehrstunde: Staatsschulden schaffen kein Wachstum. Sie sind Ausdruck einer Unwucht zwischen dem öffentlichen und dem privaten Sektor. Sie fördern in der Gesellschaft einen naiven Machbarkeitsglauben und eine gefährliche politische Großmannssucht, die letzten Endes politisches Ausfransen in den Irrsinn möglich macht: Wir haben die Folgen in der Migrationspolitik erlebt, im grünen Transformationsirrsinn oder auch im Rahmen der deutschen Energiepolitik. Zur Not könnte es ja die Geldpolitik mit ihrer Kreditpumpe richten, so der kindliche Gedanke.

Am Boden der Realität, zurück aus der politischen Illusionswolke, sieht es trübe aus: Zwischen 10.000 und 15.000 Industriearbeitsplätze gehen jeden Monat verloren. Die Chemie zerbröselt mit einer Kapazitätsauslastung von gerade einmal 73 Prozent. Insgesamt hat die Industrie über 15 Prozent ihres Produktionsvolumens seit der Vor-Lockdown-Zeit eingebüßt. In diesem politischen Modus wird nichts mehr gelingen.

Hand in Hand steuern Deutschland und Frankreich dem Abgrund zu – mit unterschiedlichen innenpolitischen Zielen zwar, aber mit demselben fatalen Ausgang: Die Menschen flüchten in den Aberglauben des Kollektivismus, sie vertrauen der politischen Klasse, anstatt den Mut aufzubringen, sich an Argentinien ein Beispiel zu nehmen und die Bürokratie zu zerschlagen. In Argentinien wurden 50.000 Beschäftigte aus der öffentlichen Verwaltung entlassen, der Haushalt mit einem Primärüberschuss repariert. Und auch die Ökonomie kam wieder auf die Beine.

Europa – dies gilt insbesondere für Frankreich und Deutschland – braucht eine marktwirtschaftliche Injektion und zuallererst einmal die Bereitschaft zu einer ehrlichen Diagnose der Lage. Im Anschluss können wir über die Therapie diskutieren.

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Kommentare ( 27 )

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AlpenLady
22 Stunden her

Das Bild erinnert mich an das Märchen „Hänsel und Gretel“.

… Hänsel und Gretel verirrten sich im Wald,

es war so finster und auch so bitterkalt…

Da drückten sich Beide eng aneinander und fassen sich voll Angst an den Händen…

Paul Brusselmans
1 Tag her

Zu Marine Le Pen: die Ausweitung der EU-Kompetenzen durch die deutsche Kommissionspräsidentin, zusammen mit deutschen Initiativen wie Erweiterungen hat ihren Preis. Der green deal ist eigentlich ein von Berlin aufoktroierter grüner Handel. Erst bulimisch bestellen, dann nicht zahlen wollen. It’s Germany stupid.

Nibelung
1 Tag her

Auf die Substanz kommt es an und da ist aus Deutschland noch viel raus zu holen, was ja Merz selbst schon bemerkt hat, wie das Geldvermögen brach herum liegt und man es ja den Franzosen und der Ukraine teilweise ausleihen könnte um beide wieder auf die Beine zu stellen und wir es dann trotz aller Beteuerungen nicht mehr wieder kriegen. Daß wir selbst dabei krepieren hat er nicht gesagt und da sind die Amis schon schlauer, die eher das Kapital über freiwillige Anreize in ihr Land ziehen um darüber zu überleben und wir machen genau das Gegenteil und leben ausschließlich… Mehr

Haba Orwell
1 Tag her

>> Kommt Internet-Sperre in Frankreich? <<

> „… France’s Prime Minister asked telecom companies to prepare to block social media platforms. „I wish to have the ability to temporarily suspend access to these services in case of a repeat of urban violence,“ he wrote. …“

Benedictuszweifel
1 Tag her

Was passiert, war so voraussehbar wie, dass dem Tag die Nacht folgt. Und deshalb kann ich diese Schuldzuweisung an die „Politische Klasse“ nicht mehr hören. Das können rechtlose Untertanen in einer Diktatur so formulieren. Aber Deutschland ist eine Demokratie: „Alle Macht geht vom Volke aus!“ Und die überwältigende Mehrheit der Chefs, der Bürger dieses Landes, hat die verheerende Politik („UnsereDemokratie“) der unfassbar dummen Selbstzerstörung immer und immer wieder, frei und geheim gewählt. Wenn die überwältigende Mehrheit der Souveräne dieses Landes tatsächlich glaubt, man kann u.s. jeden Tag unfassbare Mengen Geldes an die ganze Welt verschenken und in dümmste Projekte investieren,… Mehr

Teiresias
1 Tag her

Schuldenfinanzierte Strohfeuerökonomie setzt voraus, daß das Geld im Land bleibt.
Da das europäische Geld ins Ausland verschenkt oder für überteuerte US-Energie und Waffen verplempert wird, fällt das entsprechende Wachstum für Europa aus.
Vor allem die USA können sich über die deutschen Kredite freuen.

Guzzi_Cali_2
1 Tag her

Die Europäer müssen erst GANZ UNTEN ankommen, bis sie irgendwas merken. Ich hoffe sehr, daß sich der Zusammenbruch jetzt rapide beschleunigt, daß ich in meinem Alter noch den Wiederaufbau erleben darf.

Haba Orwell
1 Tag her
Antworten an  Guzzi_Cali_2

Gerne allerdings in GB, Frankreich, Spanien, Italien und sogar Berlin viel schneller als in meiner nahen Umgebung… Vielleicht reicht das, auch hier das Denken einzuschalten?
So gesehen, kann es in Paris beliebig dysotopisch zugehen, wenn dafür mein Haus nicht brennt. Kurz vor meinem letzten Besuch dort wurde die „Tourist Tax“ um 260% erhöht.

Guzzi_Cali_2
1 Tag her
Antworten an  Haba Orwell

So ähnlich gehen auch meine Hoffnungsvorstellungen. Am besten beginnend mit Berlin. Ich glaube, erst wenn die Berlin-Bilder von 1945 schöner sind, als die aktuellen, werden es die „Balina“ VIELLEICHT begreifen.

Punti
1 Tag her

Ach schade, gerade hatte der Lagerideologe doch noch den verheerenden Merkantilismus der Agenda-Politik entdeckt. Da hatte man doch tatsächlich die Hoffnung, es mögen Folgerungen daraus erwachsen. Taten sie offensichtlich nicht, aber steter Tropfen höhlt ja bekanntlich den Stein. Möchte der Lagerideologe vielleicht noch einmal mutig sein und sich die Sektorkonten der VGR, ob der französischen oder der deutschen ist zunächst gleich, zu Gemüte führen?

Rene 1962
1 Tag her
Antworten an  Punti

verstehe kein wort.

Michael Theren
1 Tag her

unabhängig von der volkswirtschaftlichen Schädlichkeit einer Schuldenwirtschaft, bleibt für mich die „ewige moderne Frage der Geldpolitik“, warum zahlen Staaten für die Emission ihrer eigenen Währung an Private Zinsen? mit einer Begrenzung der Geldmenge hat es jedenfalls nichts zu tun, auch ohne Privatanleger wäre die Stabilität einer Währung eine Frage des Vertrauens in den Emittenten…

Michaelis
1 Tag her

Dieses Photo erstaunt mich. Ist das menschliche Zuneigung, oder ist das (nur) die Liebe zweier Finanzspekulateure wegen ihrer „gemeinsamen Vergangenheit“? Wie Monsieur sich anschmiegt – oder steckt da noch anderes dahinter?

Last edited 1 Tag her by Michaelis