Merz sucht die Wirtschaft und findet doch nur die Rüstungslobby

Wenige Tage vor der ersten Kabinettsklausur nach der Sommerpause entdeckt der Bundeskanzler die Wirtschaft für sich. Nach Informationen von Politico plant die Bundesregierung ein Reformprogramm, das die lahme Konjunktur stärken soll. Doch letztlich setzt Berlin alles auf die Rüstung. Niemand wagt sich an die Wurzeln des Übels.

IMAGO / dts Nachrichtenagentur

Der Landtagswahlkampf im Osten der Republik geht in seine heiße Phase über. Zeit für den Bundeskanzler, jenen Themenblock medial zu bewirtschaften, der ihn in seiner parlamentarischen Frühzeit an die Fraktionsspitze brachte: die Wirtschaft. Es kriselt im Land, Zehntausende Industriejobs lösen sich Monat für Monat in Luft auf – die Menschen hätten gerne von Friedrich Merz erfahren, wie es politisch weitergehen wird in einem Land, das nach den Jahren fanatischer Klimapolitik und der zweifellos gescheiterten Energiewende seine Wettbewerbsfähigkeit eingebüßt hat.

Licht ins Dunkel dieser alles entscheidenden Frage könnte die Kabinettsklausur von Union und SPD am 25. und 26. August auf Schloss Neuhardenberg bringen. Denn, so berichtete das Magazin Politico am Donnerstag, offensichtlich haben sich die Parteispitzen dazu durchgerungen, das Thema Wirtschaft zumindest als eine Art medialen Popanz auf die Tagesordnung zu setzen. Der Tagesordnungspunkt trägt den Titel „Deutschland auf Kurs bringen“ und soll laut der Einladung, die „Politico“ vorliegt, Rahmenbedingungen für industrielle Wettbewerbsfähigkeit, Souveränität und Schlüsseltechnologien verhandeln.

FLUCHT IN DIE RÜSTUNG
Zivile Industrie geht, die Rüstung kommt – und verbrennt dabei die Zukunft
Überraschendes oder gar Revolutionäres ist aus Schloss Neuhardenberg sicherlich nicht zu erwarten. Deutsche Politik ist festgefahren im Fördermittel-Klein-Klein, in der Idee, staatliche Bürokratie wäre in der Lage, Zukunftstechnologien und förderwürdige Unternehmen auszuwählen und Steuermittel effizient zu steuern. Politik maßt sich an, Gewinner und Verlierer auszuwählen – klassische Zentralplanung, die in Deutschland bei einer Staatsquote von über 52 Prozent wieder en vogue zu sein scheint.

Wer vertraut heute noch dem Markt?

Was Friedrich Merz und seine Kabinettskollegen tatsächlich von der Wirtschaft halten, stellten sie vor wenigen Wochen bei der Vorstellung ihrer Steuerreform unter Beweis. Dort tischte der Kanzler vor allen Dingen dem Mittelstand eine satte Steuererhöhung auf. Es wird gerne übersehen: Die überwiegende Zahl der kleinen und mittleren Unternehmen sind Personengesellschaften. Sie werden künftig für die unter der Flagge der sozialen Gerechtigkeit segelnde Erhöhung des Spitzensteuersatzes zu zahlen haben – 45 Prozent ab 250.000 Euro Einkommen, 47 Prozent ab 280.000 Euro.

Soweit reicht die tiefe und innige Liebe des Bundeskanzlers für den deutschen Mittelstand.

Nach dem Raubzug ist vor dem Raubzug
Schwere Katerstimmung im Förderparadies: Nichts geht mehr beim grünen Stahl
Aber wer weiß: Vielleicht steht Merz als blütenreiner Etatist sowieso eher den Großkonzernen näher als den kleinen Betrieben mit ihren lästigen Alltagsproblemen. Ob Verpackungsverordnung, steigende Abgaben im CO2-Handel oder die Bürokratiefolgen des Lieferkettengesetzes – Merz‘ Einsatz für den Mittelstand gegen den bürokratischen Vorschlaghammer aus Brüssel ist erschütternd: Es scheint den Mann schlichtweg nicht zu interessieren. Der Mittelstand wird also wohlwissend übergangen, weshalb zu den Gästen auf Schloss Neuhardenberg auch gute alte Bekannte zählen: Siemens-Chef Roland Busch wird genauso anwesend sein wie Cohere-CEO Aidan Gomez und Handwerkspräsident Jörg Dittrich, der die alte Fraktion der deutschen Wirtschaft vertritt.

Denn im Vordergrund steht eine kleine Show unterschiedlicher Innovationen aus dem Sicherheits- und Rüstungsbereich: Tytan Technologies aus München wird eine Flugdemonstration der neuesten Abfangdrohne vorführen. Dazu gibt es eine Zoll-App zur digitalen Personenüberprüfung und eine Präsentation des Bundeskriminalamts zu seinem Einsatz von Künstlicher Intelligenz.

Merz macht reinen Tisch: von der Ordnungspolitik zum Rüstungs-Keynesianismus.

Der Kanzler verfolgt ein Ziel: Gemeinsam mit seinem Finanzminister Lars Klingbeil arbeitet der Kanzler unter Hochdruck am Aufbau eines schuldenfinanzierten, überdimensionierten Militärsektors, der am Ende fünf Prozent des Bruttoinlandsprodukts blockieren soll. Es ist ein Programm zur Verdrängung der Privatwirtschaft, das angesichts eines Verteidigungshaushalts von über 110 Milliarden Euro bereits zur Hälfte real umgesetzt wurde.

Chemie funkt SOS
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In diesem Feld arbeitet Merz effizient und schnell. So hält der Kanzler immerhin Kurs beim Umbau der Wirtschaft in eine Klima-Kommandozone, die nun ihre preußischen Urtugenden wiederentdeckt hat: Militarismus um des Militarismus willen oder, in diesem Falle, künstliche Staatsnachfrage zur Stabilisierung der taumelnden Industrie. Selbstverständlich verbrennt dieser Kredit im Orkus der neu entdeckten Günstlingswirtschaft genauso schnell wie in der grünen Krüppelwirtschaft. Sektkorken knallen lediglich bei Rheinmetall, Heckler & Koch und Co. Der Rest wird zum Zahlmeister degradiert.

Die schöne neue Welt des Bundeskanzlers – eine Welt aus Drohnen, Spitzel-Software und Geheimdiensten, die sich zur Staatssicherheit umfunktionieren lassen – ist eine antibürgerliche, ökonomisch tote Kulisse. Es fällt ins Auge, dass niemand mehr ein Interesse daran hat, die Rahmenbedingungen für Investoren, kleine Unternehmen, den Mittelstand oder die Industrie zu verbessern. Man müsste jetzt die Axt an die Klimaregulierung legen, in der Energiepolitik zu einem marktwirtschaftlichen Design zurückkehren und die Fördermittelpolitik beenden, um noch zu retten, was zu retten ist. Merz ist schlichtweg nicht mehr an einer Rückkehr zur sozialen Marktwirtschaft interessiert.

Auch die Neuverschuldung von über fünf Prozent sowie die Explosion der Staatsausgaben von über sechs Prozent im Jahresvergleich lassen den Kanzler kalt. Für Merz geht es um den Aufbau der Staatswirtschaft. Und mit ihr wächst auch, zumindest vorübergehend, seine persönliche Macht – eine Steuerungsbürokratie kafkaesken Ausmaßes. Die Kehrseite der Medaille: Die Zeit der bürgerlichen Freiheit neigt sich wohl ihrem Ende. Mit dem Umbau der deutschen Ökonomie in einen grünen und einen militärischen Kommandostaat wird auch die Kritik am Machtzuwachs des Staatsapparates verstummen. Das stellt die intensive Zensurarbeit von Bundesregierung und Europäischer Union sicher.

Friedrich Merz wird sich auf dem Schloss noch einmal in seinen korporatistischen Kreisen feiern lassen. In Erinnerung wird ein Pressefoto mit der Großindustrie bleiben, das schon bald verblasst. Denn was folgt, sind harte Schläge bei den Landtagswahlen in Ostdeutschland. Für Merz beginnt schon in wenigen Wochen auch persönlich der Abstiegskampf. Den Hunderttausenden, die als Folge seiner Politik ihre Existenz verlieren, dürfte die Unpässlichkeit des Kanzlers allerdings herzlich egal sein.

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Kommentare ( 22 )

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Rolling_Stone
16 Tage her

Die Hauptwurzel des Übels ist Merkels Energie-Intelligenzwende. Eine Wende ist eine meist ungeplante 180 Grad Richtungsänderung. Billige Energie satt um 180 Grad gewendet bedeutet Energiemangel. Energiemangel bedeutet Armut und Verteilungskämpfe. Zusammen mit Merkels Migrationswende ist ein Bürgerkrieg nicht mehr unwahrscheinlich.

Biskaborn
17 Tage her

Alles richtig und gut beschrieben! Allerdings stellt sich mir die Frage, wenn es dem Mittelstand wirklich schlecht geht, er kaum Unterstützung durch die Regierung erhält, warum hört man von denen keinen lauten, deutlich Protest gegen die Regierungspolitik! Weil die am Ende dazu zu feige sind, auch auf Subventionen hoffen und ja nicht anecken wollen, den Zorn aller Linken fürchten!

Heptamer
17 Tage her

Je länger der Ukraine Krieg dauert, um so bessert spielt er in die Karten der Politik. Statt sinnvolles Wirtschaftswachstum nur Militärwirtschaft, statt Wohlstand für alle weitere Milliardenausgaben für die korrupte Ukraine. Und im Windschatten gedeiht die unselige Gesellschaftstransformation in Deutschland. Migration, Klimagaga und Plünderung der Mittelschicht.

Klaus Uhltzscht
17 Tage her

Wer die Wählerherzen für sich gewinnen will, soll einfach versprechen, das Insolvenzgeld zu erhöhen.

Klaus D
17 Tage her

Niemand wagt sich an die Wurzeln des Übels…..auch die AfD nicht!

Heptamer
17 Tage her
Antworten an  Klaus D

Regiert die AfD schon?

Ein Leser aus Franken
17 Tage her
Antworten an  Heptamer

Steht im AfD-Wahlprogramm, dass Deutschland aus der Nato austreten soll? Dass die Nato-Staaten 5% ihres BIPs für Rüstung ausgeben sollen, ist eine Forderung der Amis. Es sind verdeckte Tributzahlungen an den Hegemon , weil ein Großteil des Geldes bei amerikanischen Firmen bzw Aktionären landet. Und wer treibt die Ausweitung der Nato nach Osten an, was zu Konflikten mit Russland führt? Auch die Amis.

Nibelung
17 Tage her
Antworten an  Klaus D

Sehe ich ähnlich, aber die Hoffnung stirbt zuletzt und was die Wirtschaft anbelangt so sollte man trennen, denn wo Black Rock schon drin ist werden automatisch Gewinne generiert und bedarf keiner weiteren Anstrengungen und die Anderswelt im Unternehmertum ist nicht so leicht zu knacken, denn die kennen aufgrund ihrer Größe und des eigenen Standings, die Gefahren, die damit einhergehen und wer Herr im eigenen Haus bleiben will, wird sich nicht unbedingt in die Hände anderer Heuschrecken begeben, denn da jagt man im Rudel auf eigene Rechnung, jeder auf seine eigene Art. Das die Preise generell zu hoch sind, sieht man… Mehr

Reinhard Peda
17 Tage her
Antworten an  Nibelung

Keine Stimmrechte von Aktien für Vermögensverwalter sondern nur für natürliche Aktionäre. Und auch das Trennbankensystem wird kommen. Das sollte ihre Hoffnung etwas steigen lassen.

humerd
17 Tage her

Im Vorfeld zur Kabinettsklausur von Union und SPD am 25. und 26. August plärrt die SPD schon mal nach Papi Merz
Die SPD-Fraktion fordert die Union auf, Kritik an den Steuerreformplänen des Bundesfinanzministers zu unterbinden. Ansonsten müsse der Kanzler ein Machtwort sprechen.  https://www.zeit.de/politik/deutschland/2026-08/steuerreform-2027-lars-klingbeil-cdu-spd-einkommen         

Haedenkamp
17 Tage her

Geschichte wiederholt sich. Wer stoppt die Kriegstreiber?

Ein Leser aus Franken
17 Tage her
Antworten an  Haedenkamp

Russland.

curryculum
17 Tage her

Eine Rüstungs- und Staatswirtschaft verschwendet Milliarden für Produkte, deren einziger Zweck die Vernichtung von Menschenleben und Sachwerten ist. Indem der Staat diese Zerstörungsmaschinerie künstlich füttert, raubt er der Gesellschaft das Geld für Krankenhäuser, Schulen und eine lebenswerte Zukunft.

Jerry
17 Tage her
Antworten an  curryculum

Zugleich dient Rüstung aber auch zur Verteidigung der Bevölkerung, wozu unsere Bundeswehr in diesem Zustand wohl kaum in der Lage sein dürfte. Eine Pflicht des Staates, die irgendwie in Vergessenheit geraten ist. Was nicht heißen soll, dass ich das Märchen vom Großangriff der Russen glaube, das uns täglich eingetrichtert wird. Die Bundeswehr ist blank! Als ich beim Bund war, das war in den 80ern, da hatte ich eine Uniform die älter als ich war. Und zu dieser Zeit ging es denen noch halbwegs gut. Vor Jahren hat man schon festgestellt, dass unsere Munition nur für gut einen Tag reicht. Ein… Mehr

moorwald
17 Tage her

Jemand sollte Merz mal erklären – evtl. in leichter Sprache – woher seine miserablen Umfragewerte kommen. Aber ich fürchte, er würde es nicht verstehen

Teide
17 Tage her

Wir könnten auch Leute für das schaufeln von Löchern mit anschließendem zuschütten beschäftigen. Hätte die gleiche Wirkung.
Alles Schuldenfinanziert. Es wird Deutschland ruinieren.
5% vom BIP für das Militär. Die Sowjets konnten sich das 50 Jahre leisten. Die hatten die Rohstoffe. Aber dann waren sie Pleite. Wir halten das keine 5 Jahre aus. Dann bekommen wir kein Geld mehr.