Börsenwoche: Rüstungsaktien weiter im Aufwind, Kapitalverschiebung nach Europa

Seit Donald Trump seine zweite Präsidentschaft angetreten hat, ist die Welt an den Finanzmärkten eine andere. Die Dominanz der Wall Street ist gebrochen, Dow Jones, S&P500 und Nasdaq treten in diesem Jahr im Vor- und Zurück-Modus auf der Stelle. Global aktive Anleger leiten ihr Kapital zum Teil nach Europa um.

Eine lange verachtete Anlagekategorie stützt die neue Stärke der europäischen Märkte: Aktien von Rüstungsunternehmen. Vor dem Ukraine-Krieg fassten Investoren diese Papiere noch nicht einmal mit der Kneifzange an, jetzt sind sie die neuen Stars am Anlagehimmel. Was für Amerika Apple, Meta, Microsoft und Nvidia sind für Europa Rheinmetall, Leonardo oder BAE Systems. Von den zwanzig besten Aktien seit Jahresbeginn im Stoxx-Europe-600-Index sind zehn Konzerne, die Rüstung als Kerngeschäft haben, zudem Zulieferer wie die französische Thales (IT) oder die schwedische SSAB (Spezialstahl).

Ein besonderer Profiteur ist Rheinmetall:. In den Vorjahren hat die deutsche Industriegruppe zahlreiche kleinere Wettbewerber gekauft, etwa den Schweizer Flugabwehr-Spezialisten Oerlikon Air Defence 2009. So weitete Rheinmetall das Angebot an Panzern, Fahrzeugen, Artillerie, Lenkwaffen und elektronischen Komponenten immer mehr aus. Kein anderes Rüstungsunternehmen ist zudem so eng mit dem Ukraine-Krieg verbunden. Herkömmliche Waffen machen rund 30 Prozent des Geschäfts aus. Dabei profitiert Rheinmetall vor allem vom Verkauf von Kanonen und Artilleriemunition, dem profitabelsten Geschäftsbereich. Gegenwärtig kann Rheinmetall jährlich 750 000 grosskalibrige 155-Millimeter-Granaten herstellen; das sei mehr, als die USA produzieren könnten, analysiert die „Neue Zürcher Zeitung“ anerkennend. Seit Jahresanfang hat der Aktienkurs 114 Prozent zugelegt, während der Stoxx-Europe-600-Index rund 8 Prozent stieg.

Rheinmetall, das italienische Konglomerat Leonardo oder die französischen Thales oder Dassault Aviation sind nicht die Einzigen, die von der Aufrüstung profitieren. Auch Aktien spezialisierter Anbieter wie Hensoldt (Sensorik) und Renk (Panzergetriebe) oder Konzerne wie Airbus, Rolls-Royce oder MTU Aero Engines (Flugzeugtriebwerke), für die Rüstung ein Nebengeschäft ist, gewinnen ebenfalls. Die Ankündigungen aus der Politik machen Investoren weiteren Mut: Gemäss dem Positionspapier „ReArm Europe“, das Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen unlängst vorstellte, sollen 800 Milliarden Euro bis 2030 bei den Mitgliedstaaten mobilisiert werden. Allein Deutschland will aus Sondervermögen 200 Milliarden ins Militär stecken, 30 Nato-Länder wollen ihre Verteidigungsausgaben erhöhen.

Die Börsen nehmen dabei eine Aufrüstung vorweg, die noch gar nicht stattfindet. Als positives Zeichen wird dabei auch gewertet, dass Banken und private Investoren nun wieder in Rüstungsunternehmen investieren oder Kredite für Rüstungskäufe herausreichen und dafür ihre Regeln etwa bei der Nachhaltigkeit ändern. Neu werden Aktien von Unternehmen, die konventionelle Waffen herstellen, meist nicht mehr aus nachhaltigen Fonds ausgeschlossen. Die Rally könnte also durchaus weitergehen.

Die US-Börsen erzielte vor diesem Gesamtbid am Freitag letztlich moderate Gewinne. Der Leitindex Dow Jones Industrial verharrte zum großen Verfallstag an den Terminmärkten die meiste Zeit in der Verlustzone, schloss dann aber 0,1 Prozent höher mit 41.985 Punkten. Ähnlich sah es bei den anderen Indizes aus. Der marktbreite S&P 500 verabschiedete sich knapp 0,1 Prozent fester mit 5.668 Punkten aus dem Handel, während der von Technologiewerten dominierte Auswahlindex Nasdaq 100 0,4 Prozent auf 19.754 Punkte gewann. Auf Wochensicht stehen bei den drei Indizes damit ebenfalls Aufschläge zu Buche – am deutlichsten beim Dow mit 1,2 Prozent.

Zu den dennoch anhaltenden Konjunktursorgen wegen der Zollpolitik von US-Präsident Donald Trump passten die Kursverluste bei Unternehmen, die Quartalszahlen vorgelegt hatten. Die Aktien des Sportartikelherstellers Nike sackten am Dow-Ende um 5,5 Prozent ab und markierten den tiefsten Stand seit 5 Jahren. Analysten bestätigten in ihren Kommentaren, dass die Trendwende des Adidas-Rivalen ein langwieriger Prozess wird. Bei Fedex mussten die Anleger einen Kursrutsch von 6,5 Prozent verkraften. Der Logistikkonzern leidet unter einem schwachen heimischen Markt, der von Wirtschaftssorgen der Unternehmen geprägt ist, und senkte erneut seine Ziele für das laufende Geschäftsjahr.
Die Aktien von Micron Technology büßten als Nasdaq-100-Schlusslicht acht Prozent ein. Sowohl die Zahlen für das zweite als auch der Ausblick auf das laufende dritte Geschäftsquartal seien stark ausgefallen, schrieb Analyst Harlan Sur von der US-Bank JPMorgan. Allerdings hatten die Aktien zuvor auch gut zugelegt und damit besser dagestanden als die meisten Branchenkollegen. Die in New York gelisteten Anteilsscheine von Nio büßten 4,5 Prozent ein. Das chinesische Elektroauto-Start-up präsentierte einen enttäuschenden Ausblick auf das laufende Quartal. Zudem fiel der Nettoverlust 2024 höher aus als von Analysten erwartet. Dagegen ging es für Dow-Spitzenreiter Boeing um gut drei Prozent hoch. Der Flugzeugbauer und Rüstungskonzern bekam den Auftrag zum Bau eines neuartigen Kampfjets und stach damit den Rivalen Lockheed Martin aus – dessen Titel sackten um 5,8 Prozent ab.

Zum großen Verfall an den Terminbörsen htten die Anleger zuvor am deutschen Aktienmarkt weiter Gewinne mitgenommen. Der Dax verlor am Freitag knapp 0,5 Prozent auf 22.892 Punkte. Auf Wochensicht büßte der Leitindex damit knapp ein halbes Prozent ein. Aus charttechnischer Perspektive hielt er sich aber letztlich über der 21-Tage-Linie, die Investoren Hinweise auf den kurzfristigen Trend gibt. Am Dienstag hatte der Dax noch ein Rekordhoch bei 23.476 Zählern erreicht. Nun sei der Dax aber im Konsolidierungsmodus, stellte Marktanalyst Jochen Stanzl vom Handelshaus CMC Markets fest. „Dass der Aktienmarkt mal fällt, ist gut und gesund.” So hat der Dax allein 2025 bereits rund 15 Prozent zugelegt. Der MDax der mittelgroßen Unternehmen büßte vor dem Wochenende 1,1 Prozent auf 28.784 Punkte ein. Sein Jahresplus beträgt noch 12,5 Prozent. Vom „großen Verfall” sprechen Börsianer, wenn Optionen und Futures auf Indizes und einzelne Aktien am selben Tag verfallen. Dadurch kann es zu deutlichen Kursschwankungen kommen.

Dass der Bundesrat am Vormittag den Weg für das milliardenschwere Finanzpaket von Union und SPD freigemacht hat, trieb die Aktienkurse nicht mehr an. „Viele Anleger haben in den letzten Wochen bereits eingepreist, dass mehr Geld fließt”, kommentierte eToro-Marktanalyst Maximilian Wienke. Außerdem würden die hohen Kurse angesichts der politisch volatilen Lage zunehmend kritisch hinterfragt, schrieb Thomas Altmann von QC Partners mit Blick auf die US-Zollpolitik. Auch andere europäische Börsen gaben nach. Der Eurozonen-Leitindex EuroStoxx 50 schloss 0,5 Prozent tiefer mit 5.424 Punkten. In Paris, London und der Schweiz ging es ebenfalls abwärts.

Hierzulande kam es insbesondere bei den Werten in den hinteren Börsenreihen zu deutlichen Kursbewegungen. So sackten die Aktien von Fuchs als Schlusslicht im MDax um 6,9 Prozent ab. Die Jahreszahlen und der Ausblick des Schmierstoffherstellers enttäuschten die Anleger. Die Papiere von Douglas brachen um 22,5 Prozent ein. Damit waren sie der größte Verlierer im Kleinwerte-Index SDax . Wegen der zunehmenden Konsumzurückhaltung in einem unsicheren Wirtschaftsumfeld kürzte die Parfümeriekette den Ausblick drastisch. Laut einem Händler ist dies der nächste Schlag für die Anleger, da Douglas schon im Februar die operativen Gewinnerwartungen wegen des schwachen Weihnachtsgeschäfts gedämpft hatte. Zweitschwächster SDax-Wert waren Amadeus Fire mit einem Minus von 12,2 Prozent. Auch hier verwiesen Börsianer auf den Ausblick als Belastung. Eine fehlende Belebung des Marktumfeldes stimmt den Personaldienstleister pessimistisch für das laufende Jahr.

Im Dax sorgte der oben erwähnte gesenkte Geschäftsausblick des US-Konkurrenten Fedex für Verluste von 2,5 Prozent bei den Aktien der DHL Group. Fedex leidet unter der eigenen Schwäche in den Vereinigten Staaten. Einem Händler zufolge lässt dies auch negative Rückschlüsse für den deutschen Wettbewerber in dessen Express-Segment zu.

Infineon bekamen derweil die Kursschwäche von US-Chipriese Micron zu spüren und gaben 2,8 Prozent nach. JPMorgan-Analyst Harlan Sur sprach zwar von „starken Zahlen nebst Ausblick” bei Micron, allerdings hatten die Aktien zuvor im laufenden Jahr schon um mehr als ein Fünftel zugelegt.

Deutz DE0006305006 schnellten 19,6 Prozent hoch auf rund 7,40 Euro. Analyst Jorge Gonzalez Sadornil von der Privatbank Hauck & Aufhäuser sieht bei dem Motorenhersteller durch die milliardenschweren Investitionen in Rüstung und Infrastruktur weiteres Potenzial bis zu seinem neuen Kursziel von 11 Euro. Den Verkauf des Vergleichsportals Verivox honorierten die Anleger von ProSiebenSat.1 mit einem Kursplus von 2,2 Prozent. Durch den Deal ist die Voraussetzung für den Einstieg von US-Finanzinvestor General Atlantic beim Medienkonzern erfüllt, er wird neuer Minderheitsaktionär. Bernstein-Analystin Annick Maas lobte, dass sich die Struktur von ProSiebenSat.1 vereinfache.

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Kommentare ( 3 )

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Rasparis
1 Tag her

„Dass der Aktienmarkt mal fällt, ist gut und gesund.”
Ohne „Staats“-Schuldenorgie, „Rettungspakete“, „EZB-QE“ und planwirtschaftliche Rüstungsausweitung – m.a.W. „Geld“-Sozialismus- wären Dax&Co. wohl schon mausetot.
Das nennt sich dann „Demokratie“ und „Marktwirtschaft“.

Rasparis
1 Tag her

Nennen wir den Laden doch statt „Rheinmetall“ zutreffend „Black Rock-Metal“.

Deutscher
3 Tage her

Rüstungsaktien im Aufwind? Wo denn? Die dümpeln vor sich hin und in den letzten 2 Wochen ist Rheinmetall um über 100 € abgesackt.

Last edited 3 Tage her by Deutscher