Die Untergangsseligkeit ist eine Meisterin aus Deutschland

Der allgemeinen Euphorie ist die kollektive Depression gefolgt, Ängste und Enttäuschungen, Konflikte, Problemberge und Finanzlöcher, politische Entfremdung zwischen Bürgern und Politik, dazu ein grassierender Pessimismus.

Neulich in einer der Landesvertretungen in Berlin. »Demokratie unter Druck« hieß das Thema der abendlichen Veranstaltung, eine von vielen derzeit, die sich mit dem Zustand der Republik befassen. Stets und zuallererst geht es um Rechtsextremismus, Antisemitismus, oft auch um »Islamfeindlichkeit« und populistisches Querdenkertum. Wie auch an diesem Abend ist man sich weitgehend einig, wo die Feinde der Demokratie zu finden sind – natürlich rechts. Im Handumdrehen steht die AfD im Mittelpunkt der Debatte, die eigentlich keine ist, weil es keinen grundsätzlichen Widerspruch gibt, auch nicht aus dem Publikum.

Man ist unter sich, und so stößt auch die wiederholt formulierte These vom »strukturellen«, gleichsam unentrinnbaren postkolonial-weißen Rassismus in Deutschland, letztlich in ganz Europa, nicht einmal auf leise Kritik eines Pauschalverdachts – erst recht nicht, wenn sie von einem prominenten schwarzen Fußballweltmeister aus Frankreich vorgetragen wird, der sagt, seine Identität sei »schwarz«.

Good Morning Germanistan!
Das Land steuert in die Katastrophe – und die CDU ist untätig
Zu tief sitzt das kollektive Schuldgefühl auch bei Dreißigjährigen, obwohl sie weder mit den Naziverbrechen noch mit dem deutschen Kolonialismus unter Kaiser Wilhelm II. in »Deutsch-Südwest« irgendetwas zu tun haben. Auch persönlich haben sie sich rassistische Einstellungen wohl kaum vorzuhalten – aber es geht ja um das große Ganze. Und das bleibt, was Wunder, immer im Diffusen, Allgemeinen, einer schwarzen Wolke ähnlich, die drohend über allem schwebt. Es ist ein »strukturelles« Vorurteil gegen Vorurteile, in dem man sich gleichwohl dauerhaft einrichten kann. Auch Schuldgefühle können psychologisch ein »Krankheitsgewinn« (Sigmund Freud) sein, eine moralische und psychologische Entlastung.

Nur auf diesem Hintergrund wird die deutsche Asyl- und Flüchtlingspolitik der letzten zehn Jahre verständlich: ein großzügiges, schier grenzenloses humanitäres Engagement als Teil einer gefühlten historischen Wiedergutmachung diesseits und jenseits von Recht und Gesetz.

Freilich steht ein Widerspruch als weißer Elefant im Raum: Wieso kamen ausgerechnet in dieses angeblich strukturell rassistische Land seit 2015 fast vier Millionen Migranten, größtenteils arabische und afghanische Muslime? Die Frage stellen heißt, sich Ärger einzuhandeln mit all jenen, die darauf antworten würden: eben deshalb. Sie kommen genau an den richtigen Ort: illegale Einwanderung als nationale Strafe für vergangene und gegenwärtige Untaten, ein Ablasshandel unter dem Banner der Willkommenskultur.

Nun aber zeigt sich, dass der allgemeinen Euphorie die kollektive Depression gefolgt ist, Ängste und Enttäuschungen, Konflikte, Problemberge und Finanzlöcher, politische Entfremdung zwischen Bürgern und Politik, dazu ein grassierender Pessimismus. Genau hier steckt, frei nach Goethes Faust, des Pudels Kern: Weit und breit ist kein Optimismus mehr zu sehen.

Dieses Buch ist ein Volltreffer
"Germanistan" im Klima-Größenwahn
Fortschritt ist nur noch ein Wort, das nach Vergangenheit klingt, nach SPD-Ortsverein Oer-Erkenschwick, altbacken und verstaubt. Alles, was nach unbeschwerter Freude duftet, etwa so wie der erste warme Tag im beginnenden Frühling, wird von den Tausenden Beschwernissen des Alltags überlagert, dessen weltpolitischer Horizont von Klimakatastrophe bis Kriegsverbrechen verläuft und von Artensterben bis Zusammenbruch der Gesellschaft. »Letzte Generation« – die Selbstbezichtigung einer Aktivistengruppe war Zeitgeist-Programm; jetzt haben sie sich in »Neue Generation« umbenannt.

Während der Fußballeuropameisterschaft in Deutschland vor einem Jahr blitzte dennoch immer wieder ein selten gewordenes Gefühl auf, ein Ausbruch von Temperament, der einen halben, fast irritierenden Gedanken auslöste, der unter all den Klima- und Weltrettungsprogrammen der Ampel-Jahre verschüttet schien: Stolz. Gerade bei jungen, darunter vielen weiblichen Fußballfans konnte man regelrecht mit Händen greifen, dass sie wieder ein bisschen stolz sein wollen auf ihr Land, sich identifizieren wollen mit dem, was es ausmacht und was es sein könnte, wenn überhaupt einmal wieder so etwas wie Lust auf Zukunft, Tatkraft und die Verteidigung eigener Interessen auf der Agenda der Res publica stünde. Der Sound des alten proletarischen Kampfliedes, das zeitweise auch der SPD als Hymne diente – »Wann wir schreiten Seit’ an Seit’, mit uns zieht die neue Zeit!« –, klingt aus der stolzen Vergangenheit herüber, die noch an die eigene Zukunft glaubte.

Es gehört zu den großen blinden Flecken des vergangenen rot-grünen Ampel-Ungeists, solche Motive als »nationalistisch« oder »rechts« darzustellen. In ihrem woken Furor haben sie die Realität des Landes verkannt, in dem inzwischen annähernd ein Drittel der Bevölkerung die berühmt-berüchtigte »Migrationsgeschichte« hat, also keine familiären Wurzeln in Oberbayern, die etwa bis in die Zeit Ludwig I. (1825–1848) zurückreichen. Auch diese Bürger wollen in
einem Land leben, das selbstbewusst nach vorne schaut und ja, sich nicht im rituellen Kampf gegen Rassismus, Kolonialismus und Transphobie verliert.

Mag sein, dass die Untergangsseligkeit eine Meisterin aus Deutschland ist – der türkische Taxifahrer hat damit nichts zu tun. Bevor er noch einmal Erdogan wählt, sollten wir ihm eine handfeste, positive Alternative in Deutschland anbieten. Darauf warten viel mehr Menschen, als man denkt.

Auszug aus:
Henryk M. Broder / Reinhard Mohr, Good Morning Germanistan. Wird jetzt alles besser? Europa Verlag, 208 Seiten, 18,00 €.


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Kommentare ( 12 )

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12 Comments
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Nibelung
1 Tag her

Wer sich auf Gefühlsduseleien verläßt in existentiellen Fragen hat den Ernst der Lage nicht verstanden und würde anders reagieren und nicht den Sirenenklängen unserer Sozialisten folgen, denn das ist in dieser Situation fast lebensgefährlich, wenn man sich in die Hände von Idioten begibt, obwohl die über fast zwei Jahrzehnte bewiesen haben, daß sie es nicht können oder wollen und das ist die eigentlich Tragik die in diesem Volk steckt, was auch einen inneren Widersrpuch darstellt bei anderen Entscheidungen, meist trivialer Art, die dann getroffen werden und bei politischen Angelegenheiten alles durchgehen lassen, als wäre es das normalste der Welt. Während… Mehr

Talleyrand
3 Tage her

Die Untergangsseligkeit, eng verwandt mit der Nibelungentreue begleitet von Wagners dröhnender Ohrenbetosung, ist fürwahr ein dominierendes Gen in deutschen Gehirnkästen. Weia weia wagalaweia.

Harry Charles
3 Tage her

DER FLUCH DES WOHLSTANDS Viele in „Germanistan“, vor allem im westlichen Teil, sind dekadent, wohlstandsverwirrt und wohlstandsverwahrlost. Wer echte Ziele hat, der hat andere Prioritäten. Das Wirtschaftswunder der 50-er und auch noch die 2 – 3 Jahrzehnte danach waren Jahre extremer Tüchtigkeit und Schaffenskraft. Die Dekadenz begann allerdings schon mit den 68-ern, hatte aber zuerst noch nicht gesellschaftliche Relevanz im Bereich des Mainstreams. Das änderte sich dann mehr und mehr, schon die sog. Millenials und jetzt die Gen-Z sorgen sich zwar insgeheim auch um das eigene Fortkommen, sind aber leistungsmäßig schon stark eingeschränkt wegen allerlei Hokuspokus, der ihnen vor allem… Mehr

Werner hold
3 Tage her

Am Untergang Deutschlands , sind viele Meister beteiligt , vor allen unsere Verbündeten.
Der Rest , wir von vaterlandslosen Politikern erledigt.

Lucius de Geer
3 Tage her

Merkwürdiger Text, soll das irgendwie Appetit auf das Buch machen? Achso, Broder und Mohr, zwei alte Linke (würde mein Nachbar sagen), kein Interesse.

Micci
3 Tage her

Positive Alternativen werden in Deutschland von Parteien, Medien, Gerichten, Firmen, NGOs, … schneller als „rechts“ geframed als man den neuen Namen aussprechen kann. Lucke war rechts. Petry war rechts. Alles rechts der SPD ist nicht rechts, sondern rechtsextrem. Sogar der ehemalige Chef des Verfassungsschutzes war rechts, als er wagte, eine neue Partei neben der CDU zu plazieren. Und selbst bei Wagenknecht machte man sich Gedanken, ob da nicht einiges zumindest ‚Fischen am rechten Rand‘ wäre. Vergesst es. Das einzige, was wirklich etwas ändert, ist das typische Ende aller Sozialismen: wenn denen das fremde Geld ausgeht! Und – da ist das… Mehr

Klaus Uhltzscht
3 Tage her

Als Fan des Foyer-des-Arts-Sängers und TAZ-Kolumnisten Max Goldt stelle ich mir gerade die beschriebene Kulturveranstaltung in der Berliner Landesvertretung vor. Froh gewordene Demokratie-Damen unter Druck, wie man ihnen sonst bei Kunstvernissagen begegnet, wo sie „Transzendental!“ und „Campari!“ rufen. Und ein paar verirrte Rentnerinnen aus dem Berliner Umland, die ihr 49€-Ticket abfahren. Dazu der unvermeidliche Stadtteilbeauftragte für irgendwas, den man laut Max Goldt daran erkennt, dass er im Anzug erscheint aber seinen Fahrradhelm nicht abnimmt. Später noch ein Blasenpolitiker mit seiner neuen Flamme.
Sie lauschen einem echten, jungen Fussballprofi aus dem Ausland, der über das Anderssein seiner Hautfarbe spricht.

Haba Orwell
3 Tage her

> illegale Einwanderung als nationale Strafe für vergangene und gegenwärtige Untaten, ein Ablasshandel unter dem Banner der Willkommenskultur.

Wie wär‘s mit: Untaten einfach beenden? Die Globale Woke Weltherrschaft für immer aufgeben? In einen Weltkrieg rennen dafür, dass die Woken auch die übrige Welt ausrauben können – „für Klima“ oder unter welchen Vorwänden auch immer?

Erstaunlich – meine Frau zieht sich gerade schon wieder TV Republika rein. Ein Journalist sagte, Kriegsgedöns solle jetzt dem Ausrauben dienen – wie davor Klima. Klima verkaufe sich aber nicht mehr, Putin-Panik besser. Erstaunlich, da Polen bisher extremst russophob war – selbst dort kommt Ernüchterung.

Haba Orwell
3 Tage her

> Man ist unter sich, und so stößt auch die wiederholt formulierte These vom »strukturellen«, gleichsam unentrinnbaren postkolonial-weißen Rassismus in Deutschland, letztlich in ganz Europa, nicht einmal auf leise Kritik eines Pauschalverdachts Zum Teil stimmt es sogar – Starmers größte Sorge ist aktuell der geplante Kolonialkrieg gegen Russland, bei dem Frankreich und Buntschland eifrig aushelfen. In London wird am Picadilly Circus für Spenden für Tafelprojekte geworben – demnach sollen von den arbeitenden (!) Londonern 1/4 hungern. Wirklich habe ich im Urlaub besonders viele Obdachlose gesehen, lange Schlangen für Lebensmittelspenden und auch einen Mann, der auf dem Bürgersteig den Müll nach… Mehr

WandererX
3 Tage her

Es geht haupsächlich um Einschüchterung, sodass die politischen und ökonomischen Eliten hier frei schalten und walten können: es ist ein ähnlicher Mief wie in den 1950er Jahren. Aber ist gibt eine neue Verknüfpung aus konservativer Frömmelei und fanatisch- progressiven Forderungen. Der technik- und wirtschaftsradikale Neoliberalismus ist eben sehr beweglich und verwirrt die Leute – im übrigen auch die Spitzenpolitiker, die auch nur Kinder dieser Gesellschaft sind. Es hat sich nach 1980 eine nominalistische Denkweise (Primat des Einzelnen, das Allgemeine wird negiert) durchgesetzt: das haben wir den alten Normannen und deren Nachfahren in GB, F und den USA zu verdanken, die… Mehr

Haba Orwell
3 Tage her
Antworten an  WandererX

> das haben wir den alten Normannen und deren Nachfahren in GB, F und den USA zu verdanken, die die Weltkriege gewonnen haben und nun IHRE plumpen Interessen (statt Prinzipien) durchsetzen:

Nur zwei – den aktuellen dritten Weltkrieg um die Woke Weltherrschaft scheinen die GB+F+USA zu verlieren. Wollte Trump nicht aus diesem Krieg aussteigen? Bisher beliefert er weiter Kiewer Marionetten.