Tichys Einblick
Begriffsmissbrauch

Wenn Unsinn zu „Solidarität“ hochgepusht wird

Bei jedem Solidaritätsaufruf ist zu hinterfragen: Geht es wirklich um Solidarität oder um einen pseudosolidarischen Unsinn, der lediglich bestimmten Machtinteressen dient? Der Begriff „Solidarität“ gehört ähnlich wie die Begriffe „Liebe“, „Gerechtigkeit“, „Freiheit“ oder „wir“ zu den Wörtern, die am häufigsten missbraucht werden.

April 1945 war Deutschland in hoffnungsloser Lage. Die Kapitulation war nur noch eine Frage der Zeit. Der „Volkssturm“ war der hilflose Versuch der Nazis, das Ruder noch einmal herumzureißen. Militärisch war von Anfang an klar, dass der Volkssturm außer weiteren hunderttausenden Toten und Verletzten nichts bringen konnte. Doch noch am 21. April 1945 verklärt Josef Goebbels in seiner letzten öffentlichen Rede diesen Unsinn als „Solidarität“: „Von dem fanatischen Willen erfüllt, die Hauptstadt des Reiches nicht in die Hände der Bolschewisten fallen zu lassen, sind wir solidarisch zu Kampf und Arbeit angetreten. Unser Ziel ist die Freiheit unseres Volkes und ein Reich der sozialen Gerechtigkeit in einer glücklichen Zukunft.“

Wenn die Vernunft keinerlei Argumente mehr zu bieten hat, dann wird umso energischer auf dem Klavier der Moral und auf der Harfe verführerischer Zukunftsillusionen gespielt. So kann ein blutrünstiges, hoffnungsloses Kamikazeprojekt von wahnsinnigen Politikern kurz vor deren Suizid tatsächlich als „Solidarität“ erfolgreich in der Masse implementiert werden. Wenn der Kaiser völlig nackt ist, dann bleibt ihm immer noch der moralische Druck, um die Menschen zu manipulieren; welcher Pimpf möchte schon gerne als „unsolidarisch“ gebrandmarkt werden? Gratulation an alle, die sich vor dem Mitwirken im Volkssturm verkrochen haben. Wer dabei erwischt wurde, wurde von den achso „Solidarischen“ erschossen.

Auch heutzutage in völlig anderer Färbung, in völlig anderem Kontext und in völlig anderer Ausformung ist es modern, allen möglichen Unsinn mit dem moralischen Druckmittel „Solidarität“ hochzupushen:

Da wird die EU als „solidarische“ Schuldengemeinschaft propagiert. Wenn sich Länder verschulden, dann brauchen diese keine Verantwortung dafür zu übernehmen. Nicht derjenige soll zahlen, der Kosten verursacht, sondern die Kosten sollen auf komplett Unbeteiligte umgelegt werden. Die „Solidarische Finanzierung“ der EU steht dafür, dass fremde Menschen für die finanziellen Abenteuer anderer aufkommen müssen. Der Begriff „Solidarität“ ist in der Europäischen Schulden-Transferunion zu einer Chiffre für strukturelle Verantwortungslosigkeit geworden.

Beim Klima sollen wir „solidarisch“ mit zukünftigen Generationen sein und darum heute unseren CO2-Verbrauch vermindern. Komischerweise spielen die zukünftigen Generationen in der Abtreibungsfrage und in der Frage der Staatsüberschuldung nur eine untergeordnete Rolle; „Generationensolidarität“ ist also bei unterschiedlichen Themen zweierlei. Zudem beruht die Forderung nach „Klima-Solidarität“ auf Modellrechnungen, Projektionen und Hypothesen, die durchaus fragwürdig sind. „Solidarität“ ist in der Klimafrage zu einer Chiffre für blindes Vertrauen in wackelige Theoriemodelle und Prognosen geworden, die oftmals mehr mit Politik als mit Wissenschaft zu tun haben.

Auch die Coronazeit war eine Zeit der Hyperinflation des Solidaritätsbegriffs und damit ein weiteres Paradebeispiel aus dem Lehrbuch, wie man mit moralischen Werten die Menschen manipulieren kann:

Im November 2023 gesteht kein Geringerer als die Europäische Arzeneimittel-Agentur,
die in der EU die wissenschaftliche Evaluierung, Überwachung und Sicherheitsüberprüfung von Arzeneimitteln gewährleistet, dass für eine Behauptung der Fremdschutzwirkung bei der Coronaimpfung nicht genügend valide Daten vorliegen. „Solidarität“ war in der Coronazeit also lediglich eine Chiffre für die Unterwerfung unter Macht- und Geldinteressen, die unter der Maske des Gesundheitsschutzes daherkamen.

Auch in der Adventszeit wird gerne an Solidarität appelliert, um zu einer Spende oder zu einem bestimmten Verhalten zu drängen. Bei jeder Solidaritätsaufforderung ist es hilfreich, wenn bei uns innerlich ein Warnblinker angeht: Geht es wirklich um Solidarität oder um einen pseudosolidarischen Unsinn, der lediglich bestimmten Machtinteressen dient? Der Begriff „Solidarität“ gehört ähnlich wie die Begriffe „Liebe“, „Gerechtigkeit“, „Freiheit“ oder „wir“ zu den Wörtern, die am häufigsten missbraucht werden.

Sprache ist nicht nur ein wunderbares Instrument der Verständigung, sondern immer auch eine Quelle der Missverständnisse und leider auch eine Quelle der Täuschungen. Die Bibel warnt uns nicht umsonst vor dem „Diabolos“, dem „Verdreher“. Dahinter steckt die alte menschliche Erfahrung, dass es in dieser Welt ein Machtfeld zu geben scheint, das selbst aus eigentlich wunderbaren Begriffen wie der „Solidarität“ ein Kloakenbegriff machen kann, mit dem Menschen zu einem unsinnigen, selbstschädigenden und gemeinschaftszerstörenden Verhalten verführt werden.

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