Tichys Einblick
Fünf Jahre Corona:

Ein Requiem für Vernunft, Freiheit und Menschlichkeit

Am 22. März jährt sich der Beginn einer beispiellosen politischen und gesellschaftlichen Zäsur in Deutschland zum fünften Mal – ein düsterer Jahrestag ohne ehrliche Aufarbeitung. Statt Schutz brachte der erste Lockdown Ausgrenzung, wirtschaftliches Elend und einen tiefen Riss durch die Gesellschaft – und bis heute schweigt die Politik über die Verantwortung, so Friedrich Pürner.

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Am 22. März 2020 begann in Deutschland eine Zeit, die sich tief in unser kollektives Gedächtnis einbrannte – der erste Lockdown. Fünf Jahre später blicken wir auf einen düsteren Jahrestag zurück, der weit mehr markiert als eine Pandemie. Eine Ära, die unsere Gesellschaft gespalten, erschöpft und desillusioniert zurückließ. Was als vermeintlicher Schutz begann, entwickelte sich zur Zerreißprobe für Demokratie, Vertrauen und Zusammenhalt. Die Bilanz ist ernüchternd: Millionen gebrochene Existenzen, eine Welle der Ausgrenzung, ein tiefer gesellschaftlicher Riss und ein finanzieller Abgrund, dessen Ende nicht abzusehen ist.

Dieser Text ist kein versöhnlicher Rückblick – er ist ein Aufschrei.

Das Leben, das uns genommen wurde

Kinder durften nicht mehr zur Schule gehen. Freunde wurden zu Gesichtern auf Bildschirmen, Lehrer zu digitalen Schatten und die Kindheit zu einem sterilen Regelwerk. Unternehmer sahen ihre Lebenswerke – ein kleines Café, ein Laden – unter den Schließungen zerbrechen, während die Miete unbarmherzig weiterlief. Impfdruck und einrichtungsbezogene Impfpflicht hinterließen Schäden, über die heute kaum gesprochen wird. Fünf Jahre später ist klar: Die Maßnahmen sollten nicht nur schützen – sie haben Leben zerstört.

Schulen wurden geschlossen, soziale Kontakte untersagt, Grundrechte eingefroren – alles unter dem Versprechen, es dauere „nur zwei Wochen“. Doch aus Wochen wurden Monate, dann Jahre. Die Folgen sind verheerend. Psychische Erkrankungen schossen in die Höhe – Depressionen bei Jugendlichen stiegen um 60 % an, Angststörungen wurden alltäglich und Essstörungen verzeichneten einen sprunghaften Anstieg. Selbstmorde, still und unbeachtet, häuften sich. Die Alten, die geschützt werden sollten, starben einsam in Heimen, ohne Abschied, ohne eine Hand, die sie hielt. War das der Preis für Sicherheit? Wenn ja, war er unermesslich hoch. Und was, wenn diese Sicherheit weder nötig war noch erreicht werden konnte? Darüber wird lieber geschwiegen. Das Narrativ, die Maßnahmen seien alternativlos gewesen, hält sich hartnäckig – auch weil Medien und Journalisten es weiter stützen. Ein neues Virus, eine unbekannte Lage, man wusste es nicht besser – so lautet die Rechtfertigung. Doch die Wahrheit ist komplexer.

Die Ausgrenzung: Ein neuer gesellschaftlicher Makel

Nicht das Virus traf die Gesellschaft – es war die Art, wie die Gesellschaft sich selbst zerfleischte. Zweifel wurde zur Ketzerei, Kritik an Lockdowns, Maskenpflicht oder Impfstrategien zum gesellschaftlichen Todesurteil. Ärzte, die Studien zitierten oder aus Erfahrung sprachen, statt die Regierungslinie zu vertreten, verloren ihre Jobs oder wurden bedroht. Wer Angst nehmen wollte, wurde verbal für COVID-Tote verantwortlich erklärt. Ärztekammern und Approbationsbehörden wurden zu Werkzeugen der Disziplinierung. Lehrer, die Kinder nicht denunzieren oder an diesen Zwang anwenden wollten, wurden suspendiert. Demonstranten trafen nicht nur Wasserwerfer, sondern auch Hohn, Hass und berufliche Vernichtung. „Covidioten“, „Schwurbler“, „Leugner“ – die Sprache wurde zur Waffe, die Spaltung zur Maxime.

Erinnern wir uns: Nachbarn meldeten Besucher, Kollegen warfen schiefe Blicke wegen fehlender Impfung, Freunde luden Ungeimpfte aus Angst vor „Verantwortungslosigkeit“ wieder aus. Denunziation wurde zur Tugend, Ausgrenzung zur Norm. Eine Hochzeit von Pharisäern und selbsternannten Wächtern der Moral – oft jene, die vor Corona ein unscheinbares Dasein fristeten und nun im Rampenlicht der Krise aufblühten. Der feige Anschwärzer erhielt plötzlich Aufmerksamkeit. Wissenschaftler und Beamte, die früh warnten, wurden nicht widerlegt, sondern zum Schweigen gebracht. Ihre Stimmen erstickten in einem Chor aus Politik, Medien und einer Gesellschaft, die lieber gehorchte, als nachdachte. Das war kein Schutz – das war eine Hexenjagd.

Bergamo: Ein Bild, das uns blendete

Frühling 2020: Särge auf Lastwägen in Bergamo – ein Bild, das sich einbrannte und zum Symbol wurde. „Das passiert, wenn wir nicht handeln“, hieß es. Politiker und Medien schwenkten es wie eine Fahne, um jeden Zweifel zu ersticken. Doch was sahen wir wirklich? Zweifellos eine überforderte Region – doch auch ein Einzelfall, der zur Rechtfertigung einer weltweiten Panikstrategie aufgebläht wurde. Später wurde klar: Die Sterblichkeit war differenzierter, die Zahlen oft ungenau, die Kontexte vielfältig. Doch Bergamo blieb – ein emotionaler Knüppel, der jede Diskussion niederwalzte. Wir wurden nicht informiert, wir wurden manipuliert.

Der Widerstand gegen Aufarbeitung: Schuld, Macht und Angst

Warum wird bis heute geschwiegen? Warum gibt es derart hartnäckigen Widerstand gegen eine ehrliche Aufarbeitung? Die Antwort ist bitter. Politiker fürchten den Blick in den Spiegel – die Einsicht, dass sie überreagiert, Grundrechte geopfert und Existenzen zerstört haben könnten, ohne dass die Maßnahmen den erhofften Nutzen brachten. Medien, die Kritiker diffamierten, scheuen die Erkenntnis, Narrative statt Fakten verbreitet zu haben. Viele Bürger, die mitliefen, klatschten oder denunzierten, ertragen es nicht, Teil eines kollektiven Irrtums gewesen zu sein. Aufarbeitung bedeutet Schuldeingeständnis – ein Schlag ins Gesicht für jene, die sich als Retter sahen.

Dazu kommt die Macht. Wer damals entschied – Regierung, RKI, Ministerien – hat kein Interesse an Transparenz. Offene Akten könnten Karrieren beenden und das Vertrauen in Institutionen vollends zerstören. Und die Angst? Sie sitzt tief. Angst vor der Wahrheit, dass vieles umsonst war und Kinder, Alte und Schwache nicht geschützt, sondern geopfert wurden. Lieber schweigt man, als sich zu stellen. Doch dieses Schweigen ist Verrat an denen, die litten und an uns allen.

Stille und Abgründe

Fünf Jahre später stehen wir in Trümmern. Kinder mit Bildungslücken, die sie nie aufholen werden. Mittelständler, die in die Insolvenz gingen, während Konzerne wie Amazon Rekordgewinne verbuchten. Eine Jugend, die Freiheit nur aus Erzählungen kennt.

Die Kritiker? Sie wurden nicht rehabilitiert, sondern vergessen. Die Regierung bescheinigt sich ein „erfolgreiches Krisenmanagement“ und verleiht ihren treuen „Experten“ Auszeichnungen, doch die Narben erzählen eine andere Geschichte. Wir haben nicht nur gegen ein Virus gekämpft – wir haben uns selbst verloren.

Die Rechnung ist gewaltig: Über 400 Milliarden Euro direkte Corona-Kosten – u.a. Hilfspakete, Kurzarbeit, Impfstoffe. Dazu Billionen an indirekten Schäden durch verlorene Steuereinnahmen und kollabierte Branchen – eine Schuldenlast, die Generationen belasten wird. Die Lockerung der Schuldenbremse 2025 ist nur ein Nachhall dieser Zeit – ein Zeichen, dass der Preis noch lange bezahlt wird. Für wen? Für was? Die Antwort bleibt aus.

Ein Gedenktag für die Wahrheit

Fünf Jahre Corona waren kein Triumph der Vernunft. Sie waren ein Mahnmal für Angst, Kontrolle und den Verrat an denen, die Fragen stellten. Der 22. März sollte mehr sein als eine Erinnerung an ein Virus – er sollte uns mahnen, was die Menschen sich gegenseitig selbst angetan haben. An diesem Tag sollte innegehalten, nachgedacht und gefragt werden, ob man selbst anderen Menschen Schaden oder Unrecht zugefügt hat und welche Personen noch immer darunter leiden. Die Zäsur, die der 22. März 2020 markiert, sollte durch einen offiziellen Gedenktag verankert werden. Ein Gedenktag, der uns das Versagen von Staat, Institutionen und großen Teilen der Gesellschaft vor Augen führt, ebenso wie die Massenpsychose, die viele ergriff.

Die Gesellschaft muss aufwachen und die Aufarbeitung erzwingen, egal wie laut andere dagegen anschreien. Wir müssen lauter werden. Denn wer damals die Wahrheit suchte, wurde nicht gehört, sondern gebrochen. Das darf nicht vergessen werden.


Dr. med. Friedrich Pürner, MPH
Mitglied des Europäischen Parlaments, MdEP

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