Tichys Einblick
Presseschau zu Themen Trump – Gewalt – Bären

Les’ ich deutsche Schlagzeilen um Acht, bin ich in oder um den Schlaf gebracht

Eine phantastische Ansammlung von „paint news“ (gefärbte Berichterstattung), „hot air headlines“ (Luftschlagzeilen) und „dopey debates“ (Scheindiskussionen) vernebelt die Tagespresse.

IMAGO / imagebroker

Möglicherweise ist es ja Einbildung – überreizte Nerven in politisch unruhigen Zeiten. Aber beim Blick in die Schlagzeilen türmen sich da wabernde und blubbernde Wortblasen und Satzungetüme, in einem Gebräu, das einen süßen und schläfrig machenden Dunst verbreitet … und man kommt nicht umhin, sich die Augen zu reiben, sich zu kneifen, weil man so viel Quatsch auf einmal gar nicht verarbeiten und vernünftig einsortieren kann. Aber vielleicht ist das ja auch die Absicht. Dass man irgendwann verzweifelt und schreiend die Lektüre einfach einstellt und auf „Durchzug“ schaltet.

Und gib uns unsere tägliche Dosis „Trump, der Lump“

Es ist schwer, alle Schrecklichkeiten aufzuzählen, die das orangefarbene Scheusal in Washington DC laut deutscher Presse gerade erst wieder angerichtet hat. Die FAZ hat am 3. April sage und schreibe neun Artikel auf die Homepage gestellt, die sich alle um den US-Präsidenten drehen.

Sein „Zoll-Hammer fällt auf deutsche Autos!“ (n-tv), er „entzieht Óscar Arias das US-Visum“ …,versucht, „die Menschen in Südafrika aufzustacheln“ (BZ), führt einen „Feldzug gegen Vielfalt und Inklusion“ (Deutsche Welle), … nach seinen „Drohungen bricht Italien mit jahrzehntelanger US-Tradition“ (Merkur), seine Regierung „attackiert gezielt unliebsame Großkanzleien“ (Manager Magazin), … ein Demokrat „erleidet Krämpfe bei Rekord-Abrechnung“ mit ihm, „sein langer Arm … seine Politik … trifft deutsche Universitäten“ (Tagesschau) … der „Spiegel“ berichtet über seine „Forderung nach neuem Rohstoffdeal, seiner Rache an Selenskyj …, der ihm offenbar nicht unterwürfig genug war“. Das „Handelsblatt“ warnt: „Das Worst-Case-Szenario von Donald Trump bedroht Millionen Jobs“ … er „prallt an Putin ab – nun macht sich bei Amerikanern ungutes Gefühl breit“ (Focus).

Die „Buckelei“ amerikanischer Eliten vor der Trump-Regierung erinnert Marianne Birthler an Verhaltensweisen während der DDR-Zeit. Die frühere Bürgerrechtlerin spricht von einer „moralischen Verzwergung“.

Der Focus berichtet auch von einem „Schlappen März: Deutschlands Energiewende hat ein großes Wind-Problem“, aber: „Gas und Kohle helfen aus“. Naja, als Aushilfe kann man die ja mal anstellen, denkt man. Offenbar ist dieses Windproblem gar keines.

Der Sender n-tv als Quelle der besonderen Nachricht

Zum Beispiel verweist „n-tv“ auf eine „alarmierende Statistik: Die Corona-Jugend fällt als Gewalttäter auf“ – komisch, denkt sich der Leser, bisher hatte man doch davon gesprochen, dass die Jugendlichen besonders unter den Corona-Einschränkungen gelitten hätten?

Großes Leid gibt es laut „n-tv“ auch im Wasser: „Orcas terrorisieren Weiße Haie – mit dramatischen Folgen … es sei herzzerreißend zu sehen, wie eines der größten Raubtiere der Ozeane so leicht besiegt wurde“, zitiert der Sender die Gründerin der Meeresschutzorganisation „Keep Fin Alive“ Jacobs. Weiße Haie, so der Artikel, „würden oft als ‚Ärzte der Ozeane‘ bezeichnet, um ihre wichtige Rolle im Ökosystem des Meeres zu beschreiben. Sie erhalten das Gleichgewicht aufrecht, indem sie kranke und schwache Tiere jagen.“ Irgendwie fehlt einem da das Mitleid mit Dr. Weißer Hai … wie würde eine NGO „keep Mausi alive“ wohl über die üblen Spiele berichten, die sich Miez und Minka mit gefangenen Nagern erlauben?

Besorgt? Angstgefühle? Hier wird Ihnen geholfen!

Erstmal erstaunt, dass im Bericht der „Welt“ die Missetaten ein seltsames Eigenleben entwickeln, völlig losgelöst von den Tätern, denn „die sexuelle Gewalt nimmt stark zu …“ – korrekt müsste es heißen: Es gibt mehr Gewaltverbrecher, die aus sexuellen Motiven handeln. Aber klingt das nicht irgendwie zu drastisch? Die „Welt“ zitiert aus der Vorstellung des BKA-Kriminalitätsberichts von Nancy Faeser, wo die eigentlich zuständige Ministerin sich irgendwie selbst zum Handeln auffordert? „Diese Zahlen müssen weitere Konsequenzen haben … benötigt würden ein stärkeres Schutz- und Hilfesystem, eine effektivere Strafverfolgung der Täter und die Einführung einer elektronischen Fußfessel, damit sich mutmaßliche Täter nicht unbemerkt ihren Opfern nähern könnten …“ Wow, wahrlich futuristische Pläne: eine Alarmanlage, die bei Annäherung eines Vergewaltigers Krawall schlägt. Ob es dafür einen Innovationspreis gibt? Und damit sich besonders die Berliner viel, viel sicherer fühlen können, gibt es gleich eine weitere Erfolgsmeldung bei der „Welt“.

160 Verhaftungen im Bereich der „Organisierten Kriminalität“, an 80 Orten in Berlin, ein Triumph für CDU-Justizsenatorin Felor Badenberg, die, wie die Welt weiß, „die Aktion am Tatort beobachtet habe“ und auch gleich vor einer Bar eine Pressekonferenz gegeben habe. Aber halt … hier ging es nicht um 160 Verbrecher, die eingelocht wurden, sondern um 160 abtransportierte Glücksspielautomaten … ob der Aufwand, 400 Polizisten zu mobilisieren, das wohl wert war … aber wenigstens gab es tolle Schlagzeilen, wie beim „Focus“: „… in Berlin geht ein Großaufgebot von Justiz, Polizei und Bezirken gegen die Organisierte Kriminalität vor …“

Gegen Gefahren ganz anderer Art will die Slowakische Regierung nun vorgehen, wie der Bayerische Rundfunk berichtet. Unter dem Foto eines schmächtig aussehenden Bären werden die üblichen Register gezogen. „Angst, in die Wälder zu gehen: Slowakei will 350 Bären töten“ – eben, was können denn die armen Bären dafür, wenn die Menschen Ängste entwickeln? „Von Umweltschützern kommt Kritik … sie warfen der Regierung Rechtsbruch vor und forderten stattdessen eine bessere Aufklärung der Bevölkerung“. Laut einer Richtlinie aus Brüssel dürften „nur ‚Problembären‘ getötet werden, die Menschen oder Eigentum angegriffen haben – und außerdem nur dann, wenn es keine andere Lösung gibt.“ Unter den 93 Bären, die 2024 in der Slowakei erschossen worden seien, so der „BR“ weiter, seien „Recherchen von Journalisten des Investigativzentrums „Jan Kuciak“ zufolge keiner gewesen „der Menschen attackiert hatte“.

Gefolgt wird der Artikel von Links zu „Ratschlägen, wie man sich verhalte, wenn man Bären begegne“, und der bangen Frage, „ob Bayern jetzt gegen Bären aufrüsten müsse?“ Klar, man hat ja mit der Aufrüstung gegen die Russen schon alle Hände voll zu tun. Hilfreich zur „Einordnung“ der tödlichen Bärenbegegnung ist auch der Link zu einem Artikel aus dem Februar: „Beim Wandern im Wald hat eine vierköpfige Familie in der Slowakei einen etwa 80 Kilogramm schweren Bären aufgeschreckt. Das Tier ging offenbar sofort auf die beiden Kinder los, die Eltern konnten sie aber schützen und den Bär vertreiben.“ Der Leser darf aus dieser Information mitnehmen, dass erstens die Schuld für den Angriff alleine bei der Familie gelegen haben muss, und zweitens, dass sich so ein Bär wohl locker von Mama und Papa vertreiben lässt und ängstlich Reißaus nimmt.

Focus-Experte Klose bittet um Verständnis, es sei ja „Ende des Winterschlafs … nach dem Vorfall in der Slowakei: So verhalten Sie sich bei einer Bärenbegegnung richtig … um Unfälle wie jüngst in der Slowakei und Rumänien zu vermeiden. Diese seltenen, aber ernsten Vorfälle erinnern an die Bedeutung eines umsichtigen Verhaltens in Bärengebieten.“ Aha. Es ist also nicht mehr der Wald, sondern Bärengebiet … „Die europäischen Braunbärenpopulationen haben sich in den letzten Jahrzehnten in vielen Regionen erholt“, das sei „eine Erfolgsgeschichte des Naturschutzes. Besonders in den Karpaten, dem Dinarischen Gebirge und Teilen der Alpen nehmen die Bestände zu.“ Dies bringe „jedoch auch Herausforderungen für das Zusammenleben von Mensch und Bär mit sich … mit dem richtigen Verhalten kann man Risiken minimieren. Respektvoller Abstand ist der beste Ratgeber.“ Die berühmte Armlänge aus Köln –oder darf es etwas mehr sein?

Ausgewogenes Bärenmanagement-Wissen, das keiner braucht?

Deutschland war, so Herr Klose, „170 Jahre lang mehr oder weniger bärenfrei. Erst seit einigen Jahren kommen immer wieder Bären aus Italien und Slowenien über Österreich auch in die bayerischen Alpen. Diese Rückkehrer stellen Deutschland vor neue Herausforderungen, da der Umgang mit diesen Großraubtieren weitgehend aus dem kollektiven Wissen verschwunden ist.“ Wie, mag man da fragen, sah denn dieser frühere Umgang aus?

Wildtier-Experten, so Klose weiter, „plädieren generell für einen wissensbasierten Ansatz im Umgang mit den Tieren. Mit fundiertem Wissen über Bärenverhalten können unnötige Ängste abgebaut und ein realistisches Risikobewusstsein entwickelt werden. Die Rückkehr der Bären ist keine Bedrohung, sondern eine Chance, unsere Beziehung zur Natur neu zu definieren – vorausgesetzt, wir sind entsprechend vorbereitet und informiert.“

Die Frage, die sich in vielen Zusammenhängen stellt, ist wohl die: Wo muss einer offenbar dynamischen Entwicklung in die falsche Richtung ein Ende gesetzt werden, und wer ist bereit, dafür einzutreten, auch wenn das einen Sympathieverlust bedeuten könnte?

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